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Das Phänomen der Leuchtenden Nachtwolken - NLC Noctilucent Clouds

1. Silbersterifen am Horizont 
In den Sommernächten der Jahre 2019 und 2020 kam es zu einer außergewöhnlich großflächigen Ausbreitung von Leuchtenden Nachtwolken bis nach Süddeutschland. In der Mitte Deutschlands reichten sie zeitweise von Norden her bis zum Zenit. Dabei war die typische Wellenstruktur der NLC besonders ausgeprägt zu erkennen, deren fließende Bewegungen dem von Meerwasser ähneln, wenn dieses nach der Flut wieder über die Priele im Sand zurückläuft. 

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Leuchtende Nachtwolken in der Mittsommernacht des Jahres 2019

© Joachim Kruse

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Leuchtende Nachtwolken und Komet Neowise am 9. Juni 2020 über dem Grünten und dem Wertacher Hörnle im Oberallgäu

© Joachim Kruse

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Das typisch geriffelte Wellenmuster der NLC breitete sich am 30. Juni 2019 in Halver bis zum Zenit aus 

© Joachim Kruse

2. Lockiges Engelshaar - Schwerewellen in der Mesopause 
Am 29. Juni diesen Jahres gelang Kamila Cymorek diese bemerkenswerte Aufnahme von atmosphärischen Schwerewellen, deren Spitzen wie in stürmischer See davongeweht werden. Mit dem vermutlichen Entstehungsort über dem norwegischen Gebirge werden diese Wellen aus der Troposphäre und Stratosphäre kommend bis in die obere Mesopause getragen, während sich die Amplituden der Wellen zu immer größeren Wellenbergen aufbauen. Ein dynamischer Vorgang jedoch, der in 80 bis 85 km Höhe erst durch die von der Sonne reflektierenden Eiskristalle in den Leuchtenden Nachtwolken für den Betrachter auf der Erde sichtbar werden, um von der Fotografin mit ihrer Kamera in dieser schönen Aufnahme eingefangen zu werden.

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© Kamila Cymorek

NLC am 29. Juni 2026 über Stottmert im Ebbegebirge     ©Kamila Cymorek

3. Historie der ersten Sichtungsberichte  
Das Phänomen der silbrig scheinenden, in feinen Strukturen auftretenden Nachtwolken wurde im Jahr 1885 das erste Mal beschrieben, zwei Jahre nach dem verheerenden Ausbruch des indonesischen Vulkans Krakatau, welcher mit seinen gigantischen zerstörerischen Explosionen als einer der schwersten Naturkatastrophen der Geschichte gilt. Damals wurden angenommen, die mit den Eruptionen in die Luft hoch geschleuderten Ascheteilchen, welche sich global umspannend in der ganzen oberen Atmosphäre verteilten und den Himmel für Monate trübten, seien für die Entstehung der Leuchtenden Nachtwolken verantwortlich, indem sich feine Eiskristalle an den Aschepartikeln bildeten. In den folgenden Jahren wurden weitere Beobachtungen gemacht, bei denen hin und wieder nur in den Sommernächten die Leuchtenden Nachtwolken erschienen, bei denen aber ursächlich keine Vulkanaktivitäten in Frage kamen.

4. Kosmischer Staub 
In der Literatur wurde im Jahr 1985 von
Wilfried Schröder im Organ d. Alfred-Wegener-Stiftung veröffentlicht, dass als Kristallisationskeim Meteoritenstaub in Frage kommen könnte, so zumindest schon die damalige vorherrschende Auffassung. Tatsächlich verglühen in der Höhe von rund 81 - 85 km, also in der Mesosphäre in derer sich die Leuchtenden Nachtwolken bilden und aufhalten, auch Asteroiden sowie Staubteilchen von Kometen, welche sie bei ihrem Vorbeiflug an der Sonne hinterlassen haben. 
​5. Was wir heute wissen
Die NLC entstehen über den Polregionen nur während der dortigen Sommermonate in der äußersten Schicht unserer Atmosphäre, der Mesopause, zwischen 80 und 100 km Höhe
(Die Höhe der Mesopausenzone schwankt in den Polregionen). In einem Kristallisationsprozess binden sich geringe Mengen  Wasserdampfs an Meteorstaub und gefriert zu Eiskristallen. In der Mesopause herrschen normalerweise Temperaturen von - 90°C bis -100°C. Bei geringem Druck und Sauerstoffkonzentration benötigt die Eisbildung des Wasserdampfs aber eine Temperatur von rund -140°C. Dieses Temperaturniveau wird erreicht durch das Aufsteigen und die adiabatische Abkühlung aufsteigender Luftmassen durch Schwerewellen. So wird die Mesopause in den Sommermonaten zum kältesten Ort der Erde mit bis zu -180°C. Erreichen die Wellen die Mesopausenzone, werden sie oft so groß, dass sie instabil werden und brechen (ähnlich wie bei Meereswellen am Strand). 
6. Forschung und Lehre 
Ist die Beobachtung der NLC bis vor rund 15 Jahren noch eine absolute Ausnahmeerscheinung gewesen, so wurde in den jüngsten Sommern eine große Anzahl von Beobachtungen mittels Fotografie in einschlägigen Foren dokumentiert. Vielleicht werden deshalb auch vermehrt wissenschaftliche Anstrengungen unternommen dieses Phänomen zu verstehen und zu erklären. Am 8. Juli 2018 schickte die DLR (Deutsches Zentrum für Luft u. Raumfahrt)  einen riesigen Ballon in 38 km Höhe, um die Leuchtenden Nachtwolken zu untersuchen. Für fast sechs Tage fuhr der Ballon in 38 km Höhe von seinem Start in Esrange (Schweden) durch die Stratosphäre über die Arktis bis in den Westen von Nunavut (Kanada). Während seiner Fahrt nahmen Kameras an Bord des Ballons sechs Millionen hochauflösende Bilder mit einem Datenvolumen von 120 Terabyte auf, wobei die meisten Bilder NLC in verschiedenen Stadien zeigen. Unter anderem lassen diese Bilder Prozesse erkennen, die zu Turbulenz führen.
(WEB Link 1) 
Das Schneefernerhaus an der Zugspitze forscht aktuell über die Schwerewellen und ihren Einfluss auf die globalen atmosphärischen Ströme mit Auswirkungen z.B. auf Satelliten auf den tieferen Umlaufbahnen und deren möglichen unkontrollierten Absturz durch die extremen atmosphärischen Verwirbelungen, die durch das Brechen der Schwerewellen hervorgerufen werden. (WEB Link 2) 
Auch die DLR / Institut für Physik der Atmosphäre erforscht weiterhin im Auftrag des Bundesministeriums aktuell diese Schwerewellen. (WEB Link 3) 
Zur wissenschaftlichen Vertiefung der Thematik empfiehlt sich als e-book die Digitale Dissertation von Katrin Schöllhammer "Klimatologie von Schwerewellenaktivität in den mittleren Breiten" (WEB Link 4) .  >> Unbedingt lesbar ist für den Einstieg: 
   Kapitel 1 Schwerewellen in der Atmosphäre 

   1.1 Der Aufbau der Atmosphäre: Die Komplexität der Temperaturstruktur innerhalb der 100 km von der Troposphäre, Stratosphäre bis zur
  Mesosphäre mit ihren Änderungen des Temperaturgradienten in den jeweiligen Pausen ist in der Grafik sehr anschaulich dargestellt.
   1.2 . Schwerewellen, Abbildung 1.7: Die Vertikale Struktur einer Schwerewelle, deren Amplitude mit der Höhe z exponentiell mit e(z/2H) ansteigt. 

Alle Kapitel können einzeln aus dem e-book heruntergeladen werden.
 

7. Mein Resümee: In den vielen Aufnahmen der NLC die durch lokale Wetterbeobachter, Hobbyfotografen, Amateurastronomen und dank ständig präsenter Handy Fotografen geschossen werden, kann sehr deutlich die Existenz, die Flussrichtung, Geschwindigkeit und das Brechen der Schwerewellen sichtbar gemacht werden. Dabei gewinnen die möglichen Auswirkungen der Schwerkraftwellen auf den globalen Flugverkehr und der Satellitenpositionierung immer mehr an Bedeutung. Neueste Forschungsstudien zudem legen nahe, das die jüngste Anhäufung der NLC mit der massiven Zunahme an Raketenstarts (z.B. SpaceX -Starlinks) als solche direkt in Verbindung stehen könnten, in dem beide Komponenten, nämlich Wasserdampf und Rußpartikel, zur Entstehungsvoraussetzung der NLC in die Mesospause eingetragen werden. 

Quellennachweise und weiterführenden Informationen zu den Forschungsaufträgen, Daten und Ergebnisse der in meinem Bericht zitierten Institutionen:

WEB Link 1 >> https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2018/3/20180921_ballonmission-nasa-dlr
WEB Link 2 >> Link https://schneefernerhaus.de/news-article/atmosphaerische-schwerewellen-und-ihr-einfluss-auf-das-klima-209/
WEB Link 3 >> https://www.dlr.de/de/pa/forschung-transfer/expertise/raumfahrt/erforschung-von-atmospharischen-schwerewellen
WEB Link 4 >> https://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2002/284/

Literatur 1 >> Schröder, Wilfried: Leuchtende Nachtwolken. Geowissenschaften in unserer Zeit, 3(6), 198–206, 1985,
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